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Samstag, 30. November 2019

Schaustelle präsentiert: Pussyear

Die Schaustelle #Madeatdynamo ist der Weihnachtsmarkt der etwas anderen Art. Am 7. Und 8. Dezember verwandeln wir das Dynamo in eine alternative Weihnachtswelt. Die Schaustelle bietet eine bunte Mischung aus Markt und Workshops. In unserer Blogserie nehmen wir einige Akteur*Innen genauer unter die Lupe. 

 

Schaustelle präsentiert:  P U S S Y E A R 

Angela und Ranja, arbeiten beide als Grafikerinnen in Zürich und sind die Gründerinnen von PUSSYEAR. Sie gestalten Ohrringe aus Draht und Metallplatten in Form von kunstvoll abstrahierten Vulven. Zurzeit verkaufen Sie ihre Schmuckstücke via Instagram oder Mund-zu-Mund Propaganda. Auf Pussyear aufmerksam wurden wir am Frauenstreik, wo sie die Ohrringe erstmals an die Frau brachten. Sie produzieren ein Teil ihrer Ohrringe bei uns, in der Schmuckwerkstatt des Dynamos. Die Ohrringe sind somit #madeatdynamo und werden an der Schaustelle zu bewundern sein. 

 
Wie habt ihr mit PUSSYEAR begonnen? 

Angela: Das Ganze entstand eigentlich ganz spontan: Ranja, welche vor Jahren bereits als Ergänzung ihres Studiums in Industrial Design einen Schmuckkurs im Dynamo besuchte und damals schon mit einer anderen Freundin Ringe formte, wollte mich in die Welt des Schmuckmachens einführen. Ich wollte schon immer meinen eigenen Schmuck herstellen, hatte auch schon lange die Idee von Draht im Kopf, aber nie Zeit gefunden es umzusetzen.  

 
Und wieso genau die Vulva? 

Angela: Zum Thema Vulva gelangte ich ursprünglich mit unserem nun dritten Mitglied Cinzia: In ihrer WG hingen damals Bilder und Malereien von nackten Männerkörpern im Wohnzimmer. Cinzia wollte ihre Wohnung auch mit weiblichen Geschlechtsteilern dekorieren. Sie sagte mir: „Angela, lass uns eine Vulva-Girlande basteln!“ So begannen wir uns regelmäßig mit einer Flasche Rotwein, Altkarton und Wasserfarben zu treffen. Wir begannen gemütliche Malabende, die stets mit langen Gesprächen über unser Leben, unsere Körper und Frausein endeten. Damals wurde uns auch bewusst, wie wenig wir eigentlich über die Anatomie der Vulva und Vagina kennen und wie tabuisiert das weibliche Geschlechtsteil leider noch immer ist. Durch Mainstream Pornos und andere Medien wird ein sehr einseitiges, verzogenes Bild von Vulven propagiert, das nicht der Realität entspricht. Was dazu führt, dass viele schon früh ein gestörtes Bild bekommen, wie man da unten "auszusehen hat". 

Nun aber zurück zum Thema Schmuck: Ich wollte also im Dynamo ein einzigartiges Schmuckstück kreieren. Durch die Girlanden inspiriert, war mir klar, dass die Vulva im Vordergrund stehen soll. Ranja war Feuer und Flamme von dieser Idee. Wir begannen gemeinsam, im Dynamo in der Schmuckwerkstatt, Formen und Material zu testen. So entstanden die ersten Prototypen. 

Und wie ging es weiter?  

Angela: Kurz darauf war der Frauenstreik 2019, an dem wir teilnehmen wollten. Wir wollten aber nicht einfach nur passiv Mitlaufen, wir wollten aktiv Botschaften verbreiten. Wir wollten zeigen, dass jede Vulva in ihrer natürlichen Form schön ist, egal wie sie aussieht. Gesagt, getan: Kurzerhand entschieden wir uns in letzter Minute ein paar Ohrringe an den Streik mitzunehmen. Sie verkauften sich wie frische Weggli (schmunzelt). Ich war sehr überrascht über die Nachfrage und die Begeisterung von Frauen aus allen Altersklassen. Viele wollten Bestellungen aufgeben. Also entschieden wir uns direkt nach dem Streik weiterzumachen. 

Eure Ohrringe sind ja eher abstrakter Natur, werden sie im Alltag überhaupt als Vulven erkannt?  

Ranja: Viele Leute sind in der Tat sehr interessiert und neugierig was unsere Ohrringe genau darstellen. Wenn wir Ihnen erklären, es handle sich um Vulven, sind sie entweder sehr begeistert oder eher etwas zurückhaltend aber trotzdem neugierig und fragen wieso wir genau die Vulva als Inspiration gewählt haben. Das freut uns, denn das ist unsere Absicht: Wir wollen, dass unsere Ohrringe zwar vermuten lassen, was sie darstellen, gleichzeitig sollen sie aber auch einfach als ästhetische Schmuckstücke wahrgenommen werden, die tragbar und anmutend sind.   

AngelaMittlerweile produziere ich die Drahtohrringe manchmal auch unterwegs, wie zum Beispiel im Zug nach Paris. Gerade vor ein paar Tagen hatte ich dabei ein lustiges Erlebnis: Ein amerikanischer Tourist sass neben mir und beobachtete mein Handwerk. Nach einer Weile begannen wir ein Gespräch und er sagte mir „Hey are you an artist? I saw you doing those birdcages, i really like them.“ Ich musste lachen und erklärte ihm, dass es kein Vogelkäfig, sondern eine Vulva darstelle und erzählte ihm von unserem Projekt und der Idee dahinter. Er lief kurz rot an, war dann aber sehr interessiert und beeindruckt. Das war irgendwie süss!

Wie kommt ihr auf diese abstrakten Vulva-Formen?  

Angela: Manchmal zeichne ich mir vorher ein Modell auf, aber ich habe auch schon wild drauflos geformt ohne genau zu wissen, was dabei rauskommt. Mit der Zeit haben wir gewisse Prototypen entwickelt, die wir dann reproduzieren. Diese Arbeit ist dann eher automatisierter - auch das mag ich: Das Ganze ist für mich sehr meditativ. 

Ranja: Ja für mich auch! Manchmal verfolgt mich das kreative Arbeiten aber auch bis in meine Träume: Letztens habe ich geträumt, dass alle Menschen in Zürich unsere Pussyear Ohrringe tragen und dass wir alle Einwohner der Stadt Zürich möglichst schnell mit Ohrringen versorgen müssen, das war ein Stress! (lacht) Gewisse interessante Formen haben sich auch schon aus Restmaterialen ergeben. Die Materialien, mit denen wir arbeiten sind sehr leicht zu bearbeiten, so können wir immer wieder neue Entwürfe wagen. 

Was motiviert und inspiriert euch? 

Angela: Mit unseren PUSSYEAR Ohrringen möchten wir den Frauen Selbstvertrauen schenken und sie an die Selbstliebe erinnern. Jede Vulva (wirklich jede) sieht anders aus und ist auf ihre eigene Art und Weise schön. Genauso unterschiedlich sind unsere Ohrringe. Unser Schmuck soll symbolisch an Vulven erinnern, aber keine genaueres Bild zeigen an dem sich dann alle wieder zu orientieren versuchen. Sie sind zum grössten Teil aus Alu gefertigt und daher leicht und komfortabel zu tragen. 

 Ranja: Jedes Stück ist ein Unikat und in ihrer Machart einzigartig. Genau das verbindet die Herstellung unserer Ohrringe mit unserem Statement: Jede Vulva ist so einzigartig, wie ihre "Besitzerin". Und jede ist auf ihre Art schön.  

Wie sieht die Zukunft aus?

Angela: Wir haben natürlich einen strammen 5-Jahres Businessplan. Nein, Spass beiseite! Wir würden gerne noch ein bisschen mehr verkaufen und vielleicht auch mal mit neuen Materialien wie Plexiglas experimentieren. Aber hauptsächlich wollen wir einfach Freude daran haben und weiterhin Vulvas in die Welt schicken. 

PUSSYEAR wird am 7. und 8. Dezember an der Schaustelle im Dynamo ausstellen. Mehr Informationen zu PUSSYEAR findest du auf Instagram.